Berufsbildung
Kostenlose Online-Info-Veranstaltungen: Azubis aus dem Ausland einstellen
Angespannte Personalsituation, fehlende Nachwuchskräfte - daher scheint die Azubi-Gewinnung im Ausland eine mögliche Option zu sein. Was es dabei zu beachten gilt, beleuchten wir in unseren kostenlosen Online-Veranstaltungen des EDEKA Campus.
Fachkräftesicherung: Berufsbildung als Lösung
Der Fachkräftemangel gilt derzeit als eine der größten Strukturherausforderungen. Durch den demografischen Wandel wird bis 2036 rund ein Drittel der Erwerbsbevölkerung ausscheiden, wodurch Arbeitskräfteengpässe in nahezu allen Sektoren weiter zunehmen. Besonders betroffen sind technische, handwerkliche und ITBerufe, doch auch der Handel gehört zu den Branchen, die bereits heute stark unter Nachwuchs- und Fachkräfteengpässen leiden. Im Handel zeigt sich der Mangel vor allem in einer sinkenden Zahl ausbildender Betriebe, vielen unbesetzten Ausbildungsstellen und deutlichen Passungsproblemen. Während deutschlandweit die Ausbildungsbeteiligung sinkt, verschärft sich diese Situation im Handel zusätzlich, da strukturelle Veränderungen, etwa mehr Teilzeit- und Aushilfsmodelle, die Attraktivität klassischer Ausbildungswege beeinträchtigen. Handelsunternehmen berichten zunehmend, dass sie ihre Ausbildungsplätze mangels geeigneter Bewerbungen nicht besetzen können, was die Nachwuchssicherung zur zentralen Herausforderung macht. Zudem zeigt die Analyse der betrieblichen Weiterbildung, dass der Handel im Branchenvergleich zu den Sektoren zählt, die am seltensten Qualifizierungen zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse fördern (nur 14 % der weiterbildungsaktiven Unternehmen), wodurch ein wichtiges Potenzial zur Fachkräftegewinnung ungenutzt bleibt.
Ein großes unerschlossenes Potenzial ergibt sich aus der Gruppe junger Erwachsener ohne Berufsabschluss. Ihre Zahl lag 2023 bei 2,79 Millionen (19 %) und sank 2024 leicht auf 2,67 Millionen. Gerade für den Handel, der traditionell viele berufliche Einstiegsoptionen bietet, stellt diese Gruppe einen bedeutenden Talentpool dar. Allerdings sind Arbeitsmarktchancen ohne Abschluss deutlich schlechter, die Arbeitslosenquote ist über dreimal so hoch, und auch das Einkommen liegt spürbar niedriger. Parallel hat die Zahl der NEETs, also junger Menschen ohne Beschäftigung oder Bildungsbeteiligung, ein kritisches Ausmaß erreicht, was ebenfalls unmittelbare Auswirkungen auf Branchen wie den Handel hat, die auf ein großes und breites Qualifikationsspektrum angewiesen sind.
Eine wichtige Brücke in die Berufsausbildung bildet der Übergangsbereich, in dem 2024 rund 259.000 Jugendliche gefördert wurden. Untersuchungen zeigen, dass bestimmte Maßnahmen wie die Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme oder die Einstiegsqualifizierung den Übergang in eine Ausbildung deutlich erleichtern. Programme wie das „Produktive Lernen“, das praxisorientiertes Lernen mit individueller Begleitung verbindet, erzielen regelmäßig hohe Abschlussquoten und erleichtern Betrieben die Auswahl geeigneter Auszubildender. Für den Handel, der zunehmend Schwierigkeiten hat, Bewerber:innen mit geeigneten Basiskompetenzen zu finden, können solche praxisorientierten Modelle dazu beitragen, die Ausbildungsreife zu stärken und die Passungsprobleme am Ausbildungsmarkt zu reduzieren.
Auch die Nachqualifizierung Erwachsener ist ein zentrales Instrument. Teilqualifikationen erlauben es, berufliche Kompetenzen schrittweise zu erwerben und über eine Externenprüfung in einen anerkannten Abschluss zu münden. In Branchen wie dem Handel, in denen viele Beschäftigte ungelernte Tätigkeiten ausüben, bieten Teilqualifikationen einen relevanten Weg, interne Fachkräfte zu entwickeln und berufliche Laufbahnen zu stabilisieren. Dennoch zeigt die Untersuchung des BIBB, dass Handelsbetriebe Weiterbildungs- oder Nachqualifizierungsmaßnahmen deutlich seltener fördern als andere Branchen. Dies gilt insbesondere für Weiterbildungen im Rahmen der Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, eine Form der Qualifizierung, die zur Fachkräftesicherung beitragen könnte, jedoch im Handel kaum genutzt wird.
Eine weitere Zielgruppe, deren Fachkräftepotenzial derzeit kaum genutzt wird, ist die Zielgruppe der geflüchteten Frauen. Trotz hoher Erwerbsaspirationen und vielfältiger beruflicher Interessen ist ihre Beteiligung an Ausbildung und Arbeit nach wie vor gering. Hindernisse wie CareVerpflichtungen, Sprachbarrieren, Diskriminierungserfahrungen und ein im Durchschnitt höheres Einstiegsalter erschweren den Zugang zu Ausbildungsberufen – auch im Handel, der mit seinen vielfältigen beruflichen Profilen eigentlich gute Bedingungen für einen Einstieg bietet. Daher könnten modularisierte und teilzeitfähige Ausbildungswege, familienfreundliche Strukturen und die Anerkennung informell erworbener Kompetenzen eine Möglichkeit darstellen, um den Zugang zu erleichtern und die Potenziale dieser Zielgruppe zu nutzen.
Ein weiteres Element der Fachkräftesicherung ist die Rekrutierung internationaler Auszubildende Diesen Weg nutzen bereits viele EDEKA-Standorte. Durch gezielte Kooperationen, beispielsweise mit Agenturen oder Sprachschulen im Ausland, werden Auszubildende in Drittstaaten gewonnen, die dann für ihre Ausbildung bei EDEKA nach Deutschland kommen. Allerdings sollte hier der Aufwand nicht unterschätzt und in jedem Fall eine bewusste Entscheidung für diesen Rekrutierungsweg getroffen werden.
Fazit: Fachkräftesicherung kann nur gelingen, wenn alle Potenziale genutzt werden – von jungen Erwachsenen ohne Abschluss über geflüchtete Frauen bis hin zu internationalen Fachkräften. Für den Handel bedeutet dies konkret, die Ausbildung attraktiver zu gestalten, Nachqualifizierungs- und Anerkennungsprogramme stärker zu nutzen, praxisnahe Bildungsangebote zu unterstützen, betriebliche Weiterbildungen weiter auszubauen und die eigene Personalpolitik stärker auf langfristige Kompetenzentwicklung auszurichten.